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Essen, Schlafen, Trinken, Beten: „Endlich am Eisbach“
Von Elfi von König
Und plötzlich war Elfi so seltsam zumute, nach Lambrusco stand ihr der Sinn und einer Currywurst dazu, sie wollte wieder im Wilden zelten wie weiland in ihrer Spätpubertät, als die Sache mit Hans-Peter passierte, in einer Julinacht am Strand von Travemünde, große Güte, was war sie verwirrt seinerzeit, im Kopf Poesie und vor Augen Hans-Peters Pickelgesicht, und dann, und dann . . . Freuden der Jugend, kleine Sünden, fast vergessen. Warum kam das nun wieder? Woher die Sehnsucht nach Ursprung und Einfachheit und schlichteren Genüssen, waren das schon die Wechseljahre oder hatte sich auch in Elfi die Erkenntnis angesiedelt, daß die guten Zeiten vorbei zu sein haben? Schon immer war weniger mehr - würde bald nichts alles sein müssen?
Wie auch immer, Elfi war's egal, nicht grübeln und gründeln wollte sie, sondern beim Murr in eine Rote beißen, auf offener Straße, die Fettflecke auf ihrer seidenen Bluse in Kauf nehmend. So ging sie hin. So hieb sie ihre Zähne ins Fleisch. Auch die Thüringer lagen verlockend auf dem Rost, vom Leberkäs ganz zu schweigen - welche Wonne, süß der Senf, weichfest das schweinerne Brät, welch Zungenfest und Gaumenerregung! Natürlich vergaß Elfi selbst dabei ihre Bestimmung nicht, die edle Pflicht, die sie schon durch mehr als ein halbes Hundert Wirtshäuser, Hotels, Weinläden und Kirchen getrieben hatte: Vergleichen mußte sie, einordnen, bekritteln oder belobigen. Der Leberkäs beim Franziskaner etwa, würde er würziger sein, lockerer, mehr wie Schaum oder von mundschmeichelnder Konsistenz?
Da Elfi auf dem Weg in die Residenzstraße, einer Eingebung folgend, beim Donisl drei Weißbier trank und ein Helles hinterher, konnte sie größere Unterschiede anschließend nicht feststellen und notierte auf ihrem Blöckchen: "Leberkäs wurscht. Schmeckt überall gleich." Freilich war sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Schönfeldstraße gewesen, wo das Lädchen "La Baguette" im Dresdner Budenstil Feinkost feilzubieten vorgibt; viel später, als man Elfis Notizen fand, war darin die Ergänzung zu lesen: "Nicht überall." Zur Linderung ihrer Wut erstand Elfi gegenüber den Lambrusco, von dem sie geträumt hatte zu Beginn ihrer Tour, und trank ihn gleich im Laden zur Hälfte leer. (Notiz: "Lambrusco eigentlich doch ganz gut, im Abgang etwas schlabbrig.") Wohler war ihr nun, doch müde war sie auch. Ein Nickerchen im Englischen Garten?
Elfi am Eisbach, nach einem langen Spaziergang, in dessen Verlauf sie an verschiedenen Kiosken und Imbißbuden in einem neuerlichen Anfall von Lebensgier drei "Magnum"-Eis (Notiz: "Künftig nur noch Classic"), eine Fischsemmel, zwei Jägermeister, eine Tüte Popcorn und drei Dosen Paulaner konsumiert hatte. Elfi am Eisbach, umgeben von Nackten, doch selbst nicht einmal die weiße Wade lüftend - sie schlief sofort ein. In ihrer Rechten hielt sie den Notizblock fest, die Linke war unter den Kopf gebettet.
Sie träumte. Die Augäpfel rotierten hinter den Lidern, sie träumte, erwachte, sie fiel ins Existenzielle: Was mache ich hier, was tun die Menschen da, warum haben sie nichts an, wer bin ich, wo ist der Ober, die Rezeption, laßt uns beten, schlafen, laßt uns sein! Warum bin ich, und wer? Ich fühle mich nach vielen, womöglich bin ich mehr als ich, jub, oh ja, und f.m. und gr und dog, kung auch sowie jgo, hin und wieder am Gläschen Gruber Fritz und mampfend mipf. So schrieb Elfi es auf, bevor sie wieder im Nebel versank. Man sollte beten, dachte sie noch, doch hat es je geholfen?
Die den Notizblock fanden, wußten mit ihm nichts anzufangen. Waren es Aufzeichnungen einer Abgedrehten oder Erkenntnisse einer Besonderen? Man entschied sich, den Block einfach liegenzulassen.
Der folgende Text ist der letzte unter dem Namen Elfi von König veröffentlichte Beitrag der Kolumne „Essen, Schlafen, Trinken, Beten“. Er erschien in der Abschlußausgabe der Münchner Seiten am 29. Juni 2003 und basiert auf den letzten gefundenen Aufzeichnungen Elfis, die von der Redaktion für den Druck bearbeitet wurden.